Schreibmaschinerie

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Der Raum ist klischeehaft schlecht belichtet, sodass sich seine Größe lediglich erahnen lässt. Vielleicht erstreckt er sich endlos weit in eine unendliche Dunkelheit. Vielleicht ist er nur eine vergessene Abstellkammer irgendwo in einem Mehrfamilienhaus voller Junkies, Ausreißer und anderer Alltagsversager, welche die Gesellschaft nicht haben will und in die nächstgelegene Gosse ausspuckt. In Wahrheit ist dieser Raum ein abstraktes Abbild einer Verhörzelle.
Als ich die Tür öffne, schlägt mir die abgestandene Luft eines übervollen Aschenbechers, der auf einem schlichten Tisch aus Kunststoff steht, in das Gesicht. Die einzige Lichtquelle ist ein aufgeklappter Laptop, der sich daneben befindet. Ich trete ein, schließe die Tür und ziehe meine Waffe, Standardausführung, neun Millimeter. Einen kurzen Augenblick verharre ich im Schutz der Dunkelheit, versuche den dicken Kloß in meinen Hals herunterzuschlucken; versuche mir die richtigen Worte zurechtzulegen, aber sie bleiben bereits stecken, noch bevor ich sie formen kann. Ich stoße die Luft aus den Lungen. Dann gehe ich langsam auf den Tisch zu. Ich setze mich auf den Plastikstuhl, lege die Waffe neben den Laptop und krame in meiner Hosentasche nach der Packung Zigaretten. Für einen kurzen Augenblick gesellt sich die Flamme eines Benzinfeuerzeugs zur tristen Beleuchtung des leeren Textdokuments auf dem Bildschirm des Laptops hinzu. Ich ziehe den Rauch tief in meine Lungen, genieße den Augenblick mit geschlossenen Augen, als sich meine Luftröhre fast schon schmerzhaft zusammenzieht, während ich gegen den Drang kämpfe, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. All die Wut, die Trauer, der Schmerz und die Angst, die sich über die Zeit angestaut haben. Aber ich lasse es nicht zu. Schließlich richtet sich mein Blick entschlossen auf den Monitor. Weiterlesen

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Elite Award

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In unserer Küche hängt eine Tafel an der Wand. Früher einmal diente sie als Putzplan, bevor sie zur Einkaufsliste degradiert wurde. Nun muss sie jedoch für spontane Eingebungen herhalten. Derzeit ziert dort ein Schriftzug den dunklen Hintergrund der Tafel:

„Wir wissen heute schon, was wir morgen auf übermorgen verschieben.“

Darunter wurde ein Kreidebild gemalt. Es stellt zwei winzige Inseln mit jeweils einer Palme dar, welche durch eine Hängematte miteinander verbunden sind. Die untergehende Sonne spiegelt sich im tiefblauen Wasser des Meeres.
Es sind aufgeschmückte Kritzeleien, von übereifrigen und intoxikierten Studenten irgendwann nach Mitternacht geschaffen, während sie auf die Pizza (Pilze, wens interessiert) warteten, die zeitgleich im Ofen vor sich hinbrutzelte. Trotz dieser wenig ruhmreichen Entstehungsgeschichte, lässt sich ein gewisses idyllisches Gefühl nicht abstreiten. Die Sonne und das Meer strahlen Ruhe und Wärme aus. Mit ein wenig Fantasie hört man das Rauschen der Wellen und spürt eine warme, sanfte Brise auf der Haut, während man selbst als dunkle Silhouette mit einem Cocktal in der Hängematte liegt. Die letzten Sonnenstrahlen verschwinden langsam am Horizont, dort, wo klares Wasser und blauer Himmel in einer unscheinbaren Linie miteinander verschmelzen. In der Nacht ist es dann lau. Mit nichts als dem endlosen Sternenhimmel, dem Rauschen der Wellen und das Rascheln der Palmenblätter.
Dazu der Text, welche Gelassenheit und einen stressfreien Alltag impliziert.
Oder eben Prokrastination.
Und genau das mache ich gerade: prokrastinieren. Und Tagträumen. Denn mit der Realität kann ich derzeit wahrlich wenig anfangen. Die besteht nämlich aus einem Berg philosophischer Texte, die durchgearbeitet werden wollen. Sprachwissenschaftliches Material aus zwei Semestern, mit denen ich Morphologie, Syntax, Phonetik, Phonologie, Semantik, Pragmatik und Neurolinguistik verstehen und anwenden können soll (nicht einmal die Hälfte die in der Aufzählung vorgekommenen Themenbereiche sind interessant). Und da sind da noch Übersetzungsarbeiten und die etwas eigensinnige Grammatik des Mittelhochdeutschen. Mir steht das Studium also gerade bis zum Hals.
Und während sich also langsam die Panik mit einem manischen Grinsen auf den Lippen anschleicht, packt mich auf einmal der unaufhaltbare Drang, in den Social Networks zu wüten. Selbstverständlich mit einem verstörenden Gesichtsausdruck. Meine Lippen lachen, doch meine Augen schreien um Hilfe.

Wie auch immer… es steht noch eins dieser Community-Blog-Award-Dingsbumse aus. Diesmal von Wordbuzzz, die mich nachträglich nominiert hat. Da fragt man sich doch glatt: Darf sie das?
Die Antwort ist simpel: Sie kann, darf und hat es getan.
„Geiler Scheiß!“, lachen meine Lippen.
„Für uns gibt es keine Zukunft.“, weinen die Augen.

Elite-Award nennt sich das Schmuckstück, das ich mir dieses Mal in die virtuelle Vitrine stellen darf.
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Das Lechzen nach Leben

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Vorwort:

So, da ist sie nun. Die erste Kurzgeschichte seit langer Zeit. Eigentlich sollte ich sagen, dass es die erste Kurzgeschichte seit langer Zeit ist, die ich hier veröffentliche, denn geschrieben habe ich sehr wohl. Es heißt immer wieder, dass man trotz Schreibblockade oder kreativer Krise munter drauflosschreiben soll, auch wenn dabei nur ziemlicher Mist herauskommt. Das habe ich getan und was dabei herauskam war brachialer Unsinn oder so experimentell, unterschied sich vom Stil so sehr von meiner sonstigen Arbeit, dass ich mich nicht getraut habe, sie irgendjemandem zu zeigen. Zwischendurch habe ich wirklich daran gezweifelt, ob das Schreiben als Hobby nicht ein kompletter Fehlgriff war, aber dann setzte ich mich wieder hin, schrieb und stellte fest: Es war kein Fehlgriff. Absolut nicht. Auch wenn ich mehr als unzufrieden mit den Geschichten bin, die ich derzeit so verzapfe, macht es mir dennoch Spaß. Es ist immer noch ein tolles Gefühl diese kleinen Welten mit ihren noch kleineren Charakteren zu erschaffen.

Naja, ich denke das sollte als Warnung ausreichen. Nachfolgende Geschichte ist einfach… anders als sonst 😀
Ich mag sie nicht besonders und ich bin mir sicher, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht. Sie hat sich sehr gesträubt, geschrieben zu werden, vielleicht kann man das irgendwie auch herauslesen.

Die nächste Kurzgeschichte wird btw wieder total Back to The Roots. Mir reicht es erstmal mit der Rumexperimentiererei ^^


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Blogger Recognition Award

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„Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.“
– Franz Kafka

Nun… offenbar habe ich diesen Punkt noch nicht erreicht, denn ich bin wieder da. Gut? Schlecht? Bedanken dürft ihr euch jedenfalls bei der guten Friedl, die mich mit dem Blogger Recognition Award geehrt und mir damit auch zeitgleich einen mehr als willkommenen Arschtritt verpasst hat. Danke dafür! Weiterlesen

Stillstand

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bottle-1836690_1920Anmerkung:
Ich habe hier ein wenig experimentiert und bin von meinem bisherigen Schreibstil etwas abgewichen, um eine gewisse emotionale Distanz zwischen Charakter und der Erzählinstanz zu schaffen. Einfach so, um es mal ausprobiert zu haben und mal ein wenig Abwechslung in meinen Schreibfluss zu bringen. Hat Spaß gemacht und war sehr lehrreich, wirkt auf mich aber auch auf Grund der ungewohnten Art zu schreiben vielleicht etwas holprig.

Eines Tages erwachte ein Mann, und er erkannte die Welt nicht mehr. Seine Frau, die ihm einst jeden Tag zum Abschied einen Kuss auf die Wange gehaucht hatte, ihn angelächelt und angestrahlt hatte, war kühl und unpersönlich geworden. Ihre samtigweiche Haut war nicht länger weich und anschmiegsam, sondern trocken und ledrig, gegerbt wie eine Trockenfrucht und von ähnlichem süß-erbrechlichen Geruch. Es war nicht das Alter, welches fortschreitend Tribut einforderte, sondern vielmehr eine allgemeine Andersartigkeit, die er nicht begriff. Nun, so dachte der Mann, was nicht ist, kann ja noch werden. Und er verließ das Haus, um sich seiner ehrlichen Arbeit zu widmen. Weiterlesen

Depressiver Geburtstags-Artikel

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Irgendwann hat irgendwer irgendwo – vielleicht während einer Phase bedingungsloser Selbstliebe – beschlossen, den von Schmerzensschreien, Schweißtropfen, umfallenden Männern und fluchenden Frauen geprägten Tag zu feiern, an dem man unter enormer Anstrengung in diese Welt gepresst wird, während die Verwandtschaft wie gackernde Hyänen bereits die Floskel „Oooooh, ist die/der niedlich! Gutschiguuuu!“ einübt. Derselbe Tag, an dem ein fremder Mensch einer kleinen Person eine scheuert, woraufhin diese empört quäkt.

In der nächsten Zeit wird das Bündel dann wie ein Joint herumgereicht. Jeder möchte etwas von der vermeintlichen Niedlichkeit des Säuglings abhaben. Es wird ge-gugut und ge-gagat, gesabbert, gekotzt und geheult.
Aber das ist dann eine andere Geschichte.

Jemand dachte dann wohl: „Hm, ich bin so ein krasser Dude, ich sollte mich selbst richtig hart feiern!“
Diese Form der Selbstverherrlichung musste selbstverständlich viral gehen, bis sich nahezu jeder einzelne Bewohner dieser Welt einmal im Jahr vor Aufregung selbst einnässt, um zu feiern, dass er/sie ein weiteres Jahr hinter sich gebracht hat.

Die Zelebrierung des Alters ist etwas, womit man von Klein an aufwächst und sich gleichzeitig selbstverständlich, aber auch besonders anfühlen kann. Zumindest, wenn man so etwas wie ein soziales Leben hat und überhaupt in der Lage ist, sich in gesellschaftlichen Strukturen einzugliedern, ohne dass nach wenigen Minuten ein anbahnender Nervenzusammenbruch, Angstzustände und Paranoia das Denkzentrum lahmlegen, bis man apathisch irgendwo in einer Ecke sitzt.

Ansonsten find ich Geburtstage aber ganz toll. Weiterlesen

Der Mann mit der Schlinge

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sling-1222466_1280Das kräftig Seil schlängelte sich dem Himmel entgegen, grub sich mühelos durch die Wolkendecke und schraubte sich weiter empor, bis es sich irgendwo im unendlichen Blau verlor. Unten auf der Erde hatte es sich lose um den Hals eines Mannes gelegt.

Dieser Mann war nichts Besonderes. Wie so viele Menschen neben ihm besaß er ein kleines Stück Land, welches er fleißig bewirtschaftete. Jeden Morgen stand er auf, fütterte das Vieh, pflügte die Felder, säte die Saat, düngte die Erde oder erntete den Ertrag seiner harten, aber ehrlichen Arbeit. Zur Mittagszeit setzte er sich in seine kleine Hütte zu seiner Familie, aß ein nahrhaftes Essen, küsste seine Frau und seine zwei Kinder und widmete sich erneut seiner Arbeit. Abends traf er sich gerne mit Nachbarn und Freunden zum Trinken und Kartenspielen in der Dorfkneipe. Dort saß er dann zusammen mit anderen Bauern und Knechten, Schmieden und Gerbern, Holzfällern und Minenarbeitern. Man mochte ihn, doch etwas Besonderes war er nicht. Sie alle verdienten sich ihr Brot auf unterschiedliche Weise, doch niemand stellte sich in einem Anflug von Eitelkeit über den Anderen. In ihrer Gemeinschaft waren sie alle gleich; hart arbeitende Menschen, die sich zur Entspannung in der gemütlichen Kneipe bei prasselndem Kaminfeuer und Gelächter einfanden, um sich ihrer Gesellschaft zu erfreuen. Niemandem schien der Strick um den Hals des Mannes aufzufallen, nicht einmal ihm selbst. Weiterlesen

Die Leere füllen

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Es ist nicht verwegen zu behaupten, unsere erste Begegnung sei außergewöhnlich gewesen, wenn man bedenkt, dass ich sie zum ersten Mal sah, als sie mitten auf der Straße dicht hinter einer Kurve gelegen hatte, Arme und Beine weit von sich gestreckt und in den wolkenlosen Himmel starrend. Der Anblick was so obskur, dass ich meinen Blick nicht abwenden konnte, auch dann nicht, als die Autos hupend, schlingernd und mit teilweise quietschenden Reifen auswichen. Noch viel obskurrer war jedoch die Tatsache, dass sie nicht einmal zusammenzuckte, wenn ein Wagen dicht an ihr vorbeiraste. Sie schaute einfach verträumt in den Himmel, als wäre es die normalste Sache der Welt, mitten auf der Straße eine Pause einzulegen. Ich muss wohl nicht erst erwähnen, wie beachtlich mein Interesse angesichts eines solchen Schauspiels war und obwohl ich nicht dafür bekannt war, offen auf fremde Menschen zuzugehen, konnte ich meine Neugier nicht einfach beiseite schieben. Weiterlesen

[Kopfsalat]Die Sache mit dem Lebenswillen…

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Ich kanalisiere meinen Lebenswillen in ein metaphorisches Szenario, in dem der kaputte Teil meiner Psyche (nennen wir ihn Schatten) und ich auf einem gigantischen Schlachtfeld als letzte Überlebende zweier sich rivalisierender Nationen kämpfen. In den Ruinen einer längst vergangenen Zeit, zwischen all den Gefallenen, deren Körper bereits zerfallen und ihre Knochen von der Sonne verblichen sind, prallen unsere Schwerter wieder und wieder aneinander.
Dieser Kampf ist zermürbend. Jedes Aufeinanderprallen der Waffen sendet Schockwellen vibrierender Schmerzen über unsere Arme. Was einst einem Tanz geglichen hatte, in dem der Stahl mit tödlicher Präzision singend die Luft zerschnitten hatte, ist nun zu kraft- und ziellosen Hieben verkommen. Mit jedem Stoß, jedem trägen Schlag bringt uns unser eigenes Gewicht und das der Schwerter aus dem Gleichgewicht, sodass wir ungelenk umeinander taumeln. Schatten und ich stolpern über das Geröll zu unseren Füßen, aber keinem gelingt es, diese Schwachstelle mit einem finalen Streich auszunutzen. Unsere Arme sind zu schwer geworden. In monotonem Rhytmus prallt Stahl schwerfällig aufeinander.

Manchmal scheint die Sonne und verwandelt unsere Waffen in glitzernde Klingen aus Licht. Meistens ist es jedoch bewölkt, trist und grau wie alles andere in der Umgebung. Und in seltenen Fällen legt sich ein schwerer Nebel auf die Landschaft. In diesen Momenten hört die restliche Welt auf zu existieren. Nichts mehr ist von Bedeutung. Da sind nur noch Schatten und ich, die sich verbissen durch diesen Kampf quälen.

Wir sind beide erschöpft, eigentlich schon am Ende unserer Kräfte. Die Erschöpfung nagt tief in uns, dringt aus den Poren wie eine giftige Masse. Aber keiner wagt es, klein beizugeben. Jedoch… Schatten hat einen Vorteil. Schatten ist erschöpft, ja, doch sein Niveau kann nicht weiter abfallen. Schatten war immer da, Schatten wird immer da sein, ganz gleich, wer diesen Kampf für sich entscheiden wird. Im Laufe der Zeit hat er sich zu einer unsterblichen Entität geformt, deren Existenz nicht länger den Regeln der Sterblichkeit folgt. Sein Niveau bleibt gleich, meines sinkt weiter rapide. Mein Sieg würde kein endgültiger sein. Man kann keine unsterbliche, gottgleiche Kreatur töten, man kann sie nur hinter eisernen Türen tief unter der Erde einsperren und vergraben. Doch sie wird immer da sein, hungernd, wütend, tobend. Und kein Gott dieser Welt wird sie aufhalten, wenn das Monster erst einmal entkommt.

Es ist kein abwegiger Gedanke, der mir immer wieder kommt. Mich der Erschöpfung hingeben. Die Waffe niederlegen und auf den letzten Hieb Schattens zu warten. Oder mich gar in das eigene Schwert stürzen. Diese Möglichkeiten sind so verlockend. Es ist ein Flüstern in meinem Kopf. So einfach… so schnell. Keine Müdigkeit mehr, kein Schmerz. Es wäre endlich zu Ende. Doch da ist ein letzter Funke Stolz in mir, ein letzter Anflug nahezu kindischer Dickköpfigkeit. Wenn ich aufgebe, gewinnt Schatten. Ich würde ihn damit entfesseln und ihm genau das geben, was er möchte… Nein, ich werde nicht aufgeben. Diese Genugtuung werde ich ihm nicht gönnen. Solange auch nur ein bisschen Leben in mir steckt, werde ich nicht aufhören. Und wenn ich dann doch verlieren… dann sterbe ich als der Mensch, der ich bin und nicht als weitere zerbrochene Seele in Schattens Sammlung. 

Erschöpfung

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„Wieso sind wir nur hier?“, fragte Richard zum wiederholten Mal. Sein Blick war trüb, seine Augäpfel eingefallen. Ein geplatztes Äderchen in seinem rechten Auge hatte das Weiß nahezu komplett verdrängt und durch ein dunkles Rot ersetzt, das in der Abenddämmerung wie ein bodenloses Loch wirken musste.
Als er keine Antwort bekam, löste er seinen Blick von seinen Füßen und suchte die Umgebung ab. Da waren die anderen. Diejenigen, die noch übrig waren. Richard zählte neun. Irgendwo tief in sich spürte er den schweren Kloß, der sich in seinem Magen zusammenzog. Weit entfernt von allem, beinahe hätte er es nicht bemerkt. Beinahe. Waren es nur noch so wenige?
Er hatte schon lange den Überblick verloren, hatte sich nicht mehr getraut das Knallen der Gewehre zu zählen, die wie Peitschenhiebe die Luft zerschnitten und durch eine unsichtbare Hand den Tod brachten. Mit jedem Krachen war er zusammengezuckt, hatte erwartet, dass das dumpfe Zusammenfallen des Körpers auf den Boden dieses Mal sein eigener wäre. Aber es war nicht dazu gekommen. Richard war noch hier. Und gerade hatte er einen klaren Moment. Der Nebel in seinem Geist hatte sich kurzzeitig gelichtet und so konnte er für einige Augenblicke klar denken. Doch mit dem Fehlen des Nebels, der sich bisher schützend um ihn gelegt und alles in eine sanfte Woge aus weicher Wolle gehüllt hatte, meldeten sich auch sein überstrapazierter Körper zu Wort. Sein Magen rebellierte, wandte sich krampfhaft in seinen Eingeweiden. Die Muskeln empörten sich lautstark über ihre Überanspruchung und seine Füße… seine Füße fühlten sich an wie ein Stück glühendes Blei, schmerzhaft und kraftlos drückte die Schwerkraft sie auf den Boden. Tausende Nägel, die gleichzeitig überall in seinen Körper gehämmert wurden.

Die kleine Gruppe kauerte hinter einer kleinen Felsformation, gerade groß genug, um jedem einen kleinen Freiraum zu geben. Während Richard sie einen nach dem anderen musterte, kam er nicht umhin festzustellen, in was für einem erbärmlichen Zustand sie sich befanden. Die zerrissenen Uniformen hingen lose an den ausgemergelten Körper herab, ein deutliches Zeichen dafür, dass sie ihre Energiereserven in rasantem Tempo verbrannt hatten. Von der einst kräftigen Gruppe, wohlgenährt und stark, war nichts mehr zu erkennen. Jetzt waren ihre Gesichter totenblass, die Wangenknochen traten bei jedem Einzelnen deutlich hervor, die einzige Farbe in ihrem Antlitz waren dunkle Augenringe und ihre Lippen waren blau angelaufen. Richard fragte sich, obwohl ihm die Antwort sehr wohl bewusst war, ob er ein ebensolches Abbild darstellte, während er sich die Schuppen seiner ausgetrockneten Haut vom Unterarm kratzte.
Wie lange sahen sie schon so aus? Fieberhaft suchte er in seinem Kopf nach einer Antwort, musste sich aber schnell eingestehen, dass er jegliches Zeitgefühl verloren hatte. Es konnten wenige Tage sein, aber genausogut Wochen. Was machte das auch für einen Unterschied?
Richard, alter Junge. Worauf hast du dich da eingelassen? Weiterlesen