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Vorwort:

So, da ist sie nun. Die erste Kurzgeschichte seit langer Zeit. Eigentlich sollte ich sagen, dass es die erste Kurzgeschichte seit langer Zeit ist, die ich hier veröffentliche, denn geschrieben habe ich sehr wohl. Es heißt immer wieder, dass man trotz Schreibblockade oder kreativer Krise munter drauflosschreiben soll, auch wenn dabei nur ziemlicher Mist herauskommt. Das habe ich getan und was dabei herauskam war brachialer Unsinn oder so experimentell, unterschied sich vom Stil so sehr von meiner sonstigen Arbeit, dass ich mich nicht getraut habe, sie irgendjemandem zu zeigen. Zwischendurch habe ich wirklich daran gezweifelt, ob das Schreiben als Hobby nicht ein kompletter Fehlgriff war, aber dann setzte ich mich wieder hin, schrieb und stellte fest: Es war kein Fehlgriff. Absolut nicht. Auch wenn ich mehr als unzufrieden mit den Geschichten bin, die ich derzeit so verzapfe, macht es mir dennoch Spaß. Es ist immer noch ein tolles Gefühl diese kleinen Welten mit ihren noch kleineren Charakteren zu erschaffen.

Naja, ich denke das sollte als Warnung ausreichen. Nachfolgende Geschichte ist einfach… anders als sonst 😀
Ich mag sie nicht besonders und ich bin mir sicher, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht. Sie hat sich sehr gesträubt, geschrieben zu werden, vielleicht kann man das irgendwie auch herauslesen.

Die nächste Kurzgeschichte wird btw wieder total Back to The Roots. Mir reicht es erstmal mit der Rumexperimentiererei ^^


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Therapie. Klar, wieso nicht? Wenn man bedachte, dass mein Leben nicht nur im Eimer war, sondern auch eine x-beliebige Person beschlossen hatte, sich die Hosen auszuziehen, um sich an den Rand besagten Eimers zu setzen und ordentlich hineinzuscheißen, erschien mir diese Idee gar nicht so abwegig.
Sollten Sie sich nun mit einer bizarren und möglicherweise appetithemmenden Diashow konfrontiert sehen, welche an die Innenseite ihres Hinterkopfs projiziert wird, so möchte ich mich an dieser Stelle erst einmal entschuldigen. Manche bildhafte Vorstellungen sollten niemals ihren Urheber verlassen. Irgendwie verhält es sich damit ähnlich wie mit Blut. Oder den inneren Organen. Bei denen ist es auch keine gute Idee, sie herauszuholen, um sie jedem unter die Nase zu reiben, der zufällig Ihren Weg kreuzt. Ich denke, Sie wissen, was ich damit meine.

Aber lassen wir das.

Therapie. Genau. Die Idee war an sich nicht schlecht, jedoch gestaltete sich die Wahl meiner Therapeuten als alles andere als kontruktiv und gesundheitsfördernd. Ich versuchte es mit so einigen: Mister Daniels, Herr Gorbatschow, Miss Sierra, Doktor Beam und wie sie nicht alle heißen. Ich schwöre, einer von ihnen behauptete steif und fest Kapitän eines Pirateschiffs zu sein. Am wenigstens aber mochte ich jedoch den Therapeuten, der von mir verlangte, ihn mit Vornamen anzusprechen und einen penetranten Geruch nach billigen Parfum verströmte. Hugo… was für ein stranger Typ.

Natürlich war ich bei keinem echten Therapeuten. Ich denke, das haben Sie bereits verstanden. Ansonsten würden Sie das hier nicht lesen. Meine ganz persönliche Therapie bestand darin, so tief in die Flasche zu schauen, wie es mir irgendwie möglich war, bis ich mich selbst nicht mehr spüren konnte.
Vielleicht sollte ich an dieser Stelle etwas genauer werden:
Bis ich mich bis zum Morgen nicht mehr spüren konnte. Mein Körper war nämlich durchaus in der Lage, mir zu zeigen, was er von jener schlagartigen 180-Grad-Wende meiner Lebensweise hielt.
Ich erwachte jeden Tag mit einem gewaltigen Stück glühenden Stahls in meinen Frontallappen und einem Magen, der gerade Hausputz machte und sämtlichen Unrat auf schnellstem Wege zu entsorgen gedachte.
Meine Wohnung roch nach einer Mischung aus Erbrochenem, Schweiß und einem Typen, der nicht im Traum daran dachte, sich zu duschen. Oder aufzuräumen. Oder auch nur das Fenster zu öffnen. Rückblickend wundert es mich, dass sich nicht einer der Nachbarn über den exorbitanten Gestank beschwerte, welcher zwischen dem dünnen Spalt zwischen Wohnungstür und Fußboden gesickert sein musste.

Es war erbärmlich. Leere Schnapsflaschen drängten sich auf dem Boden, sie schlugen jedes Mal klirrend gegeneinander, wenn ich wieder einmal über eine gestolpert war, während ich meinen gepeinigten Körper irgendwie ins Bad schleifte, um dort einen von drei möglichen Organen zu entleeren.
Ich verließ das Haus nur, wenn mir der Alkohol ausging oder ich etwas zu Essen auftreiben wollte. Denn essen musste ich, da führte kein Weg dran vorbei. Es war eine elendige Zeit, aber verhungern wollte ich nicht. Meistens ging ich für diese Versorgungstouren in den Supermarkt gleich um die Ecke, kaufte dort Mikrowellenfraß und ein paar Inkarnationen meiner Therapeuten. Die gerümpften Nasen und angewiderten Blicke ignorierte ich dabei gekonnt.

Zu dieser Zeit verlor ich auch meinen Job als Tankwart. Ich sei eine Zumutung, hieß es und heute neige ich dazu, dem zuzustimmen. Naja, der Job war ohnehin Scheiße, ich hasste ihn und erledigte ihn nur, weil er gerade genug Geld brachte, um uns über Wasser zu halten.
Mit uns meine ich übrigens mich und ein verlogenes Miststück namens Mandy. Mandy wechselte ihre Hobbys häufiger als ihre Unterwäsche. Mal war sie Modedesignerin, dann Künstlerin. Kurz darauf Ernährungsexpertin, dann Fitnesscoach und darauf folgte dann DJ. An sich keine schlimme Sache. Wenn man jedoch völlig realitätsfremd davon ausgeht, innerhalb weniger Tage ein kleines Vermögen mit diesen Hobbies zu verdienen und sich deshalb zu fein ist, einen Job anzunehmen… nun, dann eröffnen sich Hier und Da ein paar finanzielle Engpässe. Natürlich bot diese abstruse Form der Zukunftsplanung gehörig Reibefläche, aber wir liebten uns und im Großen und Ganzen konnte ich mich kaum glücklicher schätzen.
Wir waren bereits seit über zwei Jahren zusammen, als Mandy sich dazu entschloss, dass ihr neuestes Hobby das war, mit einem spanischen Geschäftsmann in die Kiste zu steigen. Ein schmieriger Typ in maßgeschneidertem Anzug, gegelten Haaren und süffisanten Grinsen. Nun… zumindest was das Geld angeht hatte es diesmal funktioniert. Er bezahlte sie gut mit allerlei Geschenken und einer Kreditkarte ohne Limit.

Ich war am Ende, als sie mich ohne mit der Wimper zu zucken verließ.
„Ich liebe dich, aber das hier hat keine Zukunft“ waren ihre Worte.
Ich hätte wütend sein sollen, mich einem alles verzehrenden Hass hingeben sollen, doch alles was ich spürte war das fehlende Stück von mir, das mit ihr gegangen war. Sie hatte ein klaffendes Loch in meiner Seele hinterlassen, dessen Leere all meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte.
Ich weinte nicht, auch dann nicht, als ich Nacht für Nacht von ihr träumte und ihr Traumbild wie eine klebrige Masse an den Wänden zu haften schien. Eine Illusion von Nähe, die immer wieder aufs Neue zerbrach, sobald ich erwachte und nichts als bleierne Leere in mir spürte. Als würde mein eigener Geist mich mit süßen Versuchungen locken, nur um mir dann im letzten Augenblick alles zu nehmen.

Den Rest kennen Sie. Ich trank und trank und trank, bis ich nicht mehr konnte und in einen komatösen, traumlosen Schlaf fiel. Es birgt eine gewisse Ironie, die Leere zu bekämpfen, indem man ein noch tieferes und dunkleres Nichts heraufbeschwört.
Ich trank, kotzte, trank weiter, aß etwas, kotzte, schlief, wachte auf, aß, trank, trank noch mehr und wartete darauf bis das von Freunden und Familie hochgelobte Allheilmittel Zeit endlich seine Wirkung entfaltete. Ich war auf einem Weg der vollständigen Selbstzerstörung. Wäre nicht eine neurale Verbindung in meinem Hirn stotternd und knatternd zum Leben erwacht, hätte man mich wohl irgendwann zusammen mit Erbrochenem von der Matratze kratzen müssen. Es musste enden. Schnell. Um es zu beenden, musste ich handeln. Und das tat ich.

Ich habe wieder einen Job. In einer Fleischerei… nichts besonderes, aber es erfüllt den Zweck, mir einen geregelten Tagesablauf zu ermöglichen und die Kontrolle über mich zurückzugewinnen. Um mein Leben wiederzuerlangen benötige ich einen klaren Kopf.
Verstehen Sie mich nicht falsch… es ist nicht vorbei. Das Stück von mir, das Mandy mir entrissen hat, ist noch immer fort. Die Leere ist noch immer präsent, lauert in mir und verschlingt jedes potentielle Gefühl, das es wagt den Kopf ein wenig zu weit hervorzustrecken.
Haben Sie sich schonmal gefragt, was ist der Mensch ohne seine Gefühle ist? Eine Arbeiterdrohne? Eine leblose, mechanische Hülle, die nur dem ureigenen Instink nach Selbsterhaltung folgt? Ist das Menschsein nicht gerade wegen der Vielzahl verschiedenster Emotionen so besonders? Macht nicht dies das Leben aus?

Wissen Sie, ich habe lange gezögert und mich gefragt, ob es nicht ausreicht zu arbeiten und zu essen. Ich spielte wirklich mit dem Gedanken, mich damit anzufreunden, ein kalter, umherlaufender Fleischsack zu sein. Aber seien wir mal ehrlich: Ich hatte selbst dann noch gegessen, als ich mich jeden Tag halb tot gesoffen hatte. Selbst dann noch hatte ich nach dem Leben gelechzt. Wieso sollte es jetzt anders sein?

Ich bin nicht wütend auf Mandy, auch wenn ich sie vorher ein Miststück genannt habe. Oder auf Sie. Auch wenn das, was ich eventuell tun werde vielleicht eine andere Handschrift trägt. Es ist nunmal so, dass das Leben nach mir ruft und meine Seele nach Vollständigkeit hungert. Ich denke, Sie verstehen das.
Erinnern Sie sich an meinen etwas holprigen Vergleich mit den inneren Organen, die man nicht herausnehmen sollte? Nun… Sie haben mir Mandy genommen und mit ihr ein Stück von mir. Ich werde es mir wieder holen und wenn ich es eigenhändig aus ihr herausschneiden muss. Natürlich muss ich auf Nummer sichergehen und feststellen, ob sie es nicht mit Ihnen geteilt hat. Schließlich ist auch ein halbes Nichts immer noch ein Nichts.
Es ist schon seltsam, dass ich mich danach sehne, endlich abzuschließen. Mich danach verzehre zu trauern, loszulassen und endlich mein Leben weiterzuführen. Welcher Mensch wünscht sich schon Trauer? Jemand hat mal zu mir gesagt, Trauer sei Schmerz in seiner reinsten Form. Wenn dem so ist, haben Sie wohl nur einen Teilschmerz zu befürchten. Ich für meinen Teil kann es gar nicht erwarten, ihn zu spüren.

Vielleicht versuche ich Ihnen nur ein wenig Angst einzujagen, wer weiß das schon. Vielleicht sollten sie aber auch schnellstmöglich Mandy anrufen, denn ich glaube, Sie haben bereits eine ganz Weile nichts mehr von ihr gehört. Vielleicht liegt sie irgendwo in einem Graben. Blutverschmiert, aufgeschlitzt wie Schlachtvieh, das halb herausgerissene Herz auf dem Brustkorb. Vielleicht veralbere ich sie aber auch nur und dies ist meine ganz eigene perverse Art einen Verlust zu verarbeiten. Vielleicht geht es ihr auch gut und sie hängt nicht gerade kopfüber an einem Haken von der Decke und blutet aus, während sich der scharlachrote Film über ihrer Haut mit Tränen des Bedauerns vermischt. Vielleicht stehe ich nicht hinter Ihnen, jetzt, genau in diesem Augenblick, während Sie diesen Satz lesen. Wer weiß das schon?

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