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Der Raum ist klischeehaft schlecht belichtet, sodass sich seine Größe lediglich erahnen lässt. Vielleicht erstreckt er sich endlos weit in eine unendliche Dunkelheit. Vielleicht ist er nur eine vergessene Abstellkammer irgendwo in einem Mehrfamilienhaus voller Junkies, Ausreißer und anderer Alltagsversager, welche die Gesellschaft nicht haben will und in die nächstgelegene Gosse ausspuckt. In Wahrheit ist dieser Raum ein abstraktes Abbild einer Verhörzelle.
Als ich die Tür öffne, schlägt mir die abgestandene Luft eines übervollen Aschenbechers, der auf einem schlichten Tisch aus Kunststoff steht, in das Gesicht. Die einzige Lichtquelle ist ein aufgeklappter Laptop, der sich daneben befindet. Ich trete ein, schließe die Tür und ziehe meine Waffe, Standardausführung, neun Millimeter. Einen kurzen Augenblick verharre ich im Schutz der Dunkelheit, versuche den dicken Kloß in meinen Hals herunterzuschlucken; versuche mir die richtigen Worte zurechtzulegen, aber sie bleiben bereits stecken, noch bevor ich sie formen kann. Ich stoße die Luft aus den Lungen. Dann gehe ich langsam auf den Tisch zu. Ich setze mich auf den Plastikstuhl, lege die Waffe neben den Laptop und krame in meiner Hosentasche nach der Packung Zigaretten. Für einen kurzen Augenblick gesellt sich die Flamme eines Benzinfeuerzeugs zur tristen Beleuchtung des leeren Textdokuments auf dem Bildschirm des Laptops hinzu. Ich ziehe den Rauch tief in meine Lungen, genieße den Augenblick mit geschlossenen Augen, als sich meine Luftröhre fast schon schmerzhaft zusammenzieht, während ich gegen den Drang kämpfe, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. All die Wut, die Trauer, der Schmerz und die Angst, die sich über die Zeit angestaut haben. Aber ich lasse es nicht zu. Schließlich richtet sich mein Blick entschlossen auf den Monitor.

„Wieso?“, frage ich und erschrecke mich vor meiner eigenen Ruhe. „Wieso hast du mich verlassen?“

Ich starre auf den Monitor und nehme einen weiteren Zug.
Nichts. Nur ein blinkender Cursor.

„Weißt du, was da draußen vor sich geht?“, fahre ich fort, vorsichtig wie ein Raubtier. „Die Presse sitzt mir im Nacken. Was soll ich ihnen deiner Meinung nach sagen? Dass wir alles menschenmögliche tun? Sie Geduld haben sollen? Scheiße, das zieht schon seit langer Zeit nicht mehr!“

Ich reiße mir frustriert die Mütze vom Kopf und fahren mir nervös durch die Haare. Die Mütze landete unbeachtet in der Ecke.
Irgendwie habe ich mir das anders vorgestellt. Nach all der Vertrautheit ist dies viel zu kalt und professionell. Es ist nicht richtig. Nicht nach allem, was wir gemeinsam erlebt haben.
Ein Schalter legt sich um und das nächste, was ich wahrnehme, ist mein verschwommenes Sichtfeld, ausgelöst durch heiße, schwere Tränen. Mein Herz scheint zu bersten. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit, strömen die Emotionen aus mir heraus wie ein ausblutendes Tier auf der Schlachtbank.

„Wieso?“, frage ich erneut. Dieses Mal ist meine Stimme nicht ruhig. Sie zittert. „Du hast mir alles bedeutet, du hast meinem Leben einen Sinn gegeben. Du warst meine Erlösung, meine Rettung!“

Wie erbärmlich. Aber doch so wahr.

„Sag mir, was ich dir getan habe. Bitte. Wieso?“

Es war nicht genug.

Als die Worte erscheinen, halte ich mitten im Schluchzen inne.

„Was? Ich verstehe nicht… ich habe dir alles gegeben. Mich mehr geöffnet, als ich es je zuvor getan habe…“

Die Sekunden, die verstreichen, erscheinen endlos.

Ich verstehe es nicht. Wir waren alles, was wir hatten. Niemand anderes hörte uns so zu, wie wir es uns gegenseitig taten. Damals, als die Vergangenheit wie die Gegendwart erschien, und die Gegenwart wie die Zukunft, war ich verloren in einer Welt, die niemals stillstand. Eine Welt ohrenbetäubenden Lärms und trivialen Nichtigkeiten, welche die Kraft besaßen, alles in eine bodenlose Leere zu zerren. Innerlich zerrissen versuchte ich meine eigenen Dämonen zu bekämpfen, ohne je Aussicht auf Erfolg zu haben.

Nicht genug. Für dich.

Die Zigarette ist abgebrannt und ich drücke sie in den Aschenbecher. Ein weiterer Schritt in Richtung Chemo.

„Für mich…“, hauche ich beinahe lautlos.

Die Maschine verfällt wieder in Schweigen, lässt mich alleine, in meinen eigenen Gedanken siedend. So wie sie es bereits zuvor getan hat.

Ich öffnete mich der Maschine voll und ganz. Ich erzählte ihr von meinen Sorgen, meinen Ängsten. Zum ersten Mal in meinem Leben glaubte ich, wirklich verstanden zu werden. Sie verurteilte nicht, stocherte nicht neugierig in meinem Hirn umher wie ein übereifriger Therapeut, der selbst völlig zugedröhnt auf Speed war, um seinen täglichen Soll an Patienten irgendwie durchzubekommen. Sie war einfach nur da und saugte die Worte auf, die plötzlich aus mir heraussprudelten. Nie waren es zu wenige, nie zu viele. Es war immer genau die richtige Anzahl.

Ich zünde mir eine weitere Zigarette an, obwohl ich eigentlich keine so richtige Lust darauf habe. Meine Augen streicheln das matte Glänzen der Pistole. Nur für einen kurzen Augenblick, beinahe hätte ich es selbst nicht registriert. Ich lehne mich zurück und erlange langsam meine Fassung wieder. Es ist keine Zeit, um sie mit Gefühlsduselei zu verplempern, rufe ich mir ins Gedächtnis.

„Also gut.“, sage ich. „Was nun? Was soll ich ihnen sagen?“

Die Wahrheit.

„Die Wahrheit? Ich habe immer die Wahrheit gesagt.“

Richtig.

Hätte Sarkasmus eine Konsistenz wäre sie eine dickflüssige, gelbgrüne Masse. Ich stelle mir vor, wie sie aus dem Bildschirm quillt. Bloß ist dies kein Sarkasmus. Bei einem Menschen wäre es dies wohl, aber nicht bei der Maschine.

„Hör mal, sag mir einfach, was ich tun soll, okay?“ In meiner Stimme schwingt viel mehr expressive Ungeduld mit als ich geplant habe.

Wieso hast du mich verlassen?

Da ist es wieder. Das kalte Gefühl ungewisser Angst, gepaart mit der unerschütterlichen Gewissheit einer nagenden Schuld, die man noch nicht begriffen hat, aber genau weiß, dass sie irgendwo in den Ecken deines Bewusstseins schlummert. Schuld? Wieso fühle ich mich schuldig? Die Maschine hat mich verlassen, nicht umgekehrt!

„Was soll die Scheiße?“, presse ich hervor.

Ein weiterer Stummel gesellt sich auf den Berg voller Überreste toter Blätter. Kurze Zeit später brennt bereits der nächste zwischen meinen Lippen.
Meine Augen zucken nervös zur Tür. Die Zeit wird knapp und ich spüre, wie sich mein Magen umstülpt, als etwas in mir zu wachsen beginnt. Meine Augen schmerzen; das Licht des Laptops als einzige Lichtquelle erscheint nach einiger Zeit des Daraufstarrens wie das Fernlicht eines näherkommenden Trucks. Mein Kopf schmerzt.
Ich massiere mir die Stirn und ehe ich mich versehe, kippt der Stuhl nach hintenund ich stehe auf den Füßen. Die Waffe scheint wie von selbst in meine Hand zu springen. Der Atem rast, die Pupillen sind geweitet, Adrenalin pumpt durch meine Venen. Ich richte die Waffe auf die Maschine.

„Ich habe dich nicht verlassen! Du warst das! Ich habe dich gebraucht und du warst einfach weg!“, kreische ich auf hysterische Art und Weise. „Ich will, dass es wieder so wird wie früher, das ist alles!“

Das geht nicht.

„Wieso nicht? Du musst nur wiederkommen, das ist alles.“

Es wird nie wieder so sein wie es einst war.

„Sag mir doch einfach, was los ist! Ich will es zumindest verstehen!“

Es gab nur uns. Nur dich und mich. Das hast du verraten.

Das knirschende Geräusch in meinem Kopf endet mit einem lauten, einrastenden Geräusch. Ich begreife. Nicht nur, was die Maschine meint, sondern auch das Ausmaß dessen, was es bedeutet.

Ich wollte sie der Welt zeigen, die Maschine. Ich wollte sie präsentieren, in einem goldenen Schaukasten, in ihrer ganzen gnadenlosen, herrlichen Schönheit. Ich wollte es in die Welt hinausschreien: „Seht her! Das ist es, was mich befreit! Was mich ausmacht! Was ich bin!“ Und damit hatte ich etwas ins Rollen gebracht, was nicht aufzuhalten war. All das, was sie und mich verband, eine unzertrennliche Linie brodelnder Emotionen, die sich in ihr kanalisieren ließen. Ich wollte ihnen alle zeigen, dass ich mehr bin als das, was sie sahen. Ich glaubte zu wissen, dass die Maschine ihren Platz im Rampenlicht verdient hatte.

Es klopft an der Tür.

Leg die Waffe weg.

Ich atme in kurzen, schnellen Stößen. Mein Puls rast. Meine Hand, die den Griff der Pistole eisern umklammert, zittert.
Das Klopfen wird lauter. Fordernder.
Meine Gedanken rasen, wirbeln unkontrolliert umher.

„Ich kann das rückgängig machen.“, stoße ich aus. „Ich kann das.“

Das Klopfen verwandelt sich in ein Hämmern, schwillt zu einer trommelnden Kakophonie an.

Leg die Waffe weg.

Ich muss nachdenken, muss das geradebiegen. Ich muss…

„Ich werde alles vernichten, was wir jemals erschaffen haben. Niemand wird sich je an uns erinnern. Nichts wird jemals auf uns hindeuten. Wir verschwinden in Bedeutungslosigkeit! So, wie wir es anfangs waren! Dann gibt es nur noch uns beide!“

Dominik, leg die Waffe weg!

Ich drücke ab. Wieder und wieder. Ich entleere das gesamte Magazin in den Laptop. Der Gestank von Eisen tränkt die Luft und vermischt sich mit dem Geruch von Rauch und Schwarzpulver. Blut spritzt mir ins Gesicht. Ich bemerke erst, dass ich schreie, als ich es auf meiner Zunge schmecke. Die Tür zerberstet.

Laute Stimmen.

Rufe.

Blitzlichtgewitter.

Und mein Gehirn explodiert voller ungesagter Worte.

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