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Das schrille Kreischen einer aufgescheuchten Schneeeule riss mich aus aus der Spirale meiner Grübeleien. Es zerfetzte die Luft um mich herum, rasend vor Wut bohrte es sich in meinen Körper. Ich erstarrte… vor Ehrfurcht? Aus Angst? Ich hatte kaum Zeit darüber nachzudenken. Der Schall bebte durch meinen Körper und ich verlor die Kontrolle über meine Sinne. Vor meinen Augen braute sich ein Sturm zusammen, Laub und Federn, die wild und ungezähmt um mich herum tanzten nahmen mir die Sicht auf ihrem Weg in den tränenbefleckten Himmel, wo sie sich, nicht minder brausend und tobend, zu der unverkennbaren Form eines gigantischen Eulenkopfs vereinten. Ihre Augen, Sonne und Mond, starrten auf mich herab wie der Stachel einer Hornisse und schienen mein tiefstes Inneres zu durchforsten. Ich spürte wie meine Beine schwach wie weiches Gummi wurden. Kalter Schweiß perlte von meiner Stirn und ich war unfähig den Blick zu senken, ganz gleich wie grell die Augen der Eule in den meinen brannten. Gefangen im Käfig, der sich mein Körper nennt, war ich überwältigt von schierer Ehrfurch. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen oder dem gleißenden Schmerz Form zu verleihen, doch nicht einmal meine Lippen gehorchten mir mehr. Ich war voll und ganz dem Bann der Eule unterworfen, die dort oben thronte und meine Seele durchflutete.
Es musste ein ähnliches Gefühl sein wie jenes, das Menschen unmittelbar vor dem Einschlag eines Blitzes in ihre Körper verspüren: so hell, dass es schmerzte und doch von überwältigender Schönheit im Angesicht des Todes. Eine brutale Veranschaulichung natürlicher Gewalt in Harmonie mit der Ästhetik des Natürlichen.
So stand ich da, unfähig mich zu bewegen, und gerade als ich glaubte, es nicht länger ertragen zu können, gerade in dem Moment, als ich dachte, jetzt müsse ich aufgrund bloßer Verehrung sterben, zerstob der Eulenkopf, begleitet von einem weiteren Schrei, der wie ein Donnerschlag über die kalte Landschaft fegte. Nur die Sonne blieb.
Und als auch dieser Schrei verklang, verschluckt von Laub und Schnee, als auch das letzte Echo verweht worden war und ich endlich wieder Herr meiner Selbst war, bemerkte ich die Tränen, die ich vergoss. Ich wischte sie beiseite und hinterließ blutige Schlieren auf meinem Gesicht. Meine Sicht war verschwommen, ein roter Filter hatte sich über die Welt gelegt, und in meinen Ohren pfiff der Tinnitus.
Ich zog die Luft so tief in meine Lungen, dass diese der Kälte wegen zu schmerzen begannen. Meine ersten Schritte waren unbefangen und hilflos. Es dauerte eine Weile, bis ich wieder normal gehen konnte und noch sehr viel länger, bis sich der erste Schock und die alles einnehmende Ehrfurcht langsam verzogen und ich mich aktiv damit auseinandersetzen musste, was dort im Wald, an einem kalten Wintertag, geschehen war.

Ich erzählte Niemandem davon. Nicht meinen Freunden. Nicht meinem Intimus. Nicht meiner Frau. Noch nicht einmal den Hohepriestern. Wie hätte ich es in Worte fassen sollen? Wie hätte ich das Geschehene ausdrücken können, wenn keine der unzähligen Sprachen dieser Welt es vermochte, den Kern dessen zu erfassen, was ich mit all meinen Sinnen gespürt habe? Selbst wenn ich es gekonnt hätte, wäre meine Beschreibung niemals würdig genug gewesen.
Für die anderen Mitglieder war es ein Tag gewesen, wie jeder andere auch. Sie waren ihrem Tagwerk nachgegangen, hatten Unkraut in unserem Garten gejätet, Reperaturen durchgeführt, zusammen gebetet, die Kinder unterrichtet, das Wort verbreitet. Doch für mich hatte sich alles verändert. Alles, woran ich festgehalten, alles, was ich jemals für richtig und selbstverständlich gehalten, woran ich geglaubt hatte, war mit einem Mal zu einem surrealen Gefühl der Falschheit verkommen.

Ich war blind gewesen und war es nun nicht mehr.

Ich war taub und lernte nun das Hören.

Ich schmeckte Fadheit in den Mahlzeiten und das Holz unserer Hütten duftete nach Plastik.

Alles schrumpfte zu Nichtigkeit zusammen.

Meinen Mitmenschen gefiel die Veränderung nicht, die mit mir aus den Wäldern gekommen war. Sie begannen zu flüstern: Zweifler. Ihre Schatten folgten mir überall hin. Ihre gehässigen Augen ruhten bei jeder Gelegenheit auf mir. Was für mich einst Harmonie und Frieden bedeutet hatte, begann zu bröckeln. Nun war da nichts mehr als die Ablehung jener, die ich meine Familie genannt hatte. Ihr Flüstern distanzierte sich immer weiter, verlor sich irgendwo in den Feindseligkeiten ihrer Taten. Ich nahm alles hin.

Es gab wenige, die auf mich einredeten, predigten und flehten. Ich tat, was sie verlangten, aber nur dem Schein nach. Mein Herz war nicht bei der Sache und das konnten sie spüren. Auch sie gaben mich auf.

Schlussendlich verließ mich meine Frau und sie sperrten mich ein. Ich nahm die Strafe ohne Groll auf mich. Es gab keinen Grund, ihr gottgegebenes Unwissen zu verurteilen. Wie konnte ich sie für etwas verurteilen, das sich ihrem Verständnis entzog? Sie warfen mich in einen stockfinsteren Keller, um meine Seele vor den sündhaften Zweifeln der Außenwelt zu erretten. Diese Narren…
Dort unten verschluckte mich die Dunkelheit und ich verlor jegliches Zeitgefühl. Erst kam der Durst, dann der Hunger und schließlich die Verzweiflung. Ich warf mich gegen die Kellerluke, mit ausgedörrter Kehle und nagenden Schmerzen im Magen. Wieder und wieder und wieder. Sie hatten mich vergessen. Meine eigene Familie, meine Freunde, alle hatten sie mich vergessen.

Ich warf mich erneut gegen die Luke, spürte den tauben Schmerz meiner gequälten Schulter, die aufgrund der zahlreichen Erschütterungen aufgerissen und wund geworden waren und spürte wie der Widerstand kaum wahrnehmbar schwächer wurde. Ein weiterer Aufprall, dann das Geräusch verbogenen Metalls. Mit letzter Kraft schleuderte ich meinen Körper gegen die Luke und endlich gab das Schloss mit einem kreischenden Geräusch auf. Die Luke sprang auf, das plötzliche Sonnenlicht stach in meine Augen und ich torkelte nach draußen, wo ich zusammenbrach.
Es war wunderschön. Um mich herum blühte das Leben. Bienen sammelten Nektar an den zahlreichen Blüten und summten ihr Lied. Der Wind strich über mein ausgemergeltes Gesicht und verströmte den Duft frischer Oliven. Ich lag im Gras und schaute hinauf in den blauen Himmel. Ich war alleine. Unser Garten war vollendet. Sie hatten mich nicht vergessen, soviel wusste ich jetzt.

Ich lächelte.

Schlussendlich hören sie ihn alle, den Schrei der Eule.

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